Nachbericht: Tagung Zukünftige Stromnetze 2026

Unter dem Leitthema "Das Stromnetz in der Zwickmühle: Wie bekommen wir Markt, Regulierung und Netz unter einen Hut?" versammelten sich Expert:innen, um zentrale Fragen der Stromnetze der Zukunft zu diskutieren.

Veröffentlicht: 5. Februar 2026 | Kategorie: Allgemein, Blog, Park4Flex | Autor / Autorin: Aaron Metz & Christian Schneider

Tagung Zukünftige Stromnetze 2026

Am 28. und 29. Januar 2026 fand in Berlin die Tagung Zukünftige Stromnetze statt. Die Konferenz widmete sich den drängendsten Fragen der Energiewende: Wie lassen sich Markt, Regulierung und Netz in Einklang bringen? Wie sichern wir die Systemstabilität bei zunehmendem Anteil volatiler Erzeugungsanlagen im Energiesystem? Wie härten wir die Energieinfrastruktur gegen physische und Cyberattacken? Wie gelingt die digitale Transformation der Stromnetze?

Die Tagung bot eine Plattform für intensiven Austausch zwischen Netzbetreibern, politischen Entscheidungsträgern, Forschungseinrichtungen und Industrievertreterinnen. Bernd Porzelius (Geschäftsführer, Conexio PSE) eröffnete die Veranstaltung mit guten Nachrichten: rund 220 angemeldete Teilnehmende stellten einen neuen Teilnehmerrekord dar. Durch die erste Session führte die fachliche Leitung der Tagung zukünftige Stromnetze, Dr. Franziska Adamek (Regierungsdirektorin, Bundesnetzagentur) und Prof. Dr. Christof Wittwer (Geschäftsfeldleiter Systemintegration, Fraunhofer ISE). Zahlreiche SmartGridsBW-Mitglieder beteiligten sich aktiv mit Beiträgen und beim Networking – und zeigten auf, wie aktiv der Südwesten bei der Gestaltung der zukünftigen Stromnetze ist.

 

Tag 1 – Mittwoch, 28. Januar 2026

SmartGridsBW Vortrag auf einer Tagung

 

Keynote

Frank Wetzel (Staatssekretär, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) gab in seiner Keynote einen Überblick über die aktuellen Herausforderungen. Er betonte die Notwendigkeit effizienter Netzausbauplanung, die Synchronisierung von Erzeugung und Netzausbau sowie die Adressierung von Marktversagen. Kostensenkungen könnten unter anderem durch verstärkt eingesetzte Freileitungen anstatt Erdkabeln erreicht werden. Ebenso ist es erforderlich das System resilienter zu gestalten, und sich so vorzubereiten, dass auch auf unvorhergesehene Ereignisse reagiert werden können. Neben den Herausforderungen wies Wetzel auch auf die Qualitäten und das Vertrauen in die deutschen und europäischen Netze hin: Investitionen sehr sicherheitsorientierter Kapitelgeber wie internationaler, staatlicher Rentenfonds, zeugen von dem großen Vertrauen, das in die deutsche Netzwirtschaft besteht. Um den großen Berg an Herausforderungen zu schaffen, gelte auch hier das Motto „Eat the elephant bit by bit“.

 

SmartGridsBW Paneldiskussion auf der Tagung Zukünftige Stromnetze

Session 1

Barbie Kornelia Haller (Vizepräsidentin, Bundesnetzagentur) beleuchtete die Entwicklung der Netzentgeltsystematik, die sowohl Verteilungsfragen als auch systemische Effekte berücksichtige. Tetiana Chuvilina (Leiterin Abteilung Politik und Projektkommunikation, TenneT) wies auf die Notwendigkeit alle Maßnahmen „no regret“ zu ergreifen, um so versunkene Kosten zu vermeiden. Sie wies darauf hin, dass die Platzierung von Verbrauchern in der Nähe von Erzeung (z.B. Rechenzentren in die Nähe von Windparks) den Netzausbau reduzieren könne. Dr. Britta Buchholz (Vizepräsidentin Aktive Verteilnetze, Hitachi Energy und Vorsitzende ETG im VDE) unterstrich die Bedeutung von Skaleneffekten durch standardisierte Lösungen. Da in Zukunft der größte Teil der Energieerzeugung über Leistungselektronik angebunden wird, lohnt es sich hier besonders auf Skaleneffekte zu achten. Die Podiumsdiskussion widmete sich Learnings aus dem Stromausfall in Berlin. So wurde die Frage gestellt, inwiefern die Regel N-1 auch auf Betriebsmittel ausgeweitet werden sollte und ob das Redundanzprinzip nicht an kritischen Stellen sogar als N-X ausgeführt werden müsste. Die Frage der Standardisierung wurde auch hier ausführlich diskutiert – einheitliche Vorgaben schaffen Planungssicherheit und Skalierbarkeit für alle Beteiligten.

SmartGridsBW Vortrag von Alexander Folz (Regierungsdirektor, BMWE) auf der Tagung Zukünftige Stromnetze zu zentralen Meilensteinen der Roadmap Systemstabilität

Alexander Folz (Regierungsdirektor, BMWE)

Session 2

Die zweite Sitzung widmete sich dem Thema Systemstabilität und wurde von Prof. Dr. Bernd Engel (Institutsleiter elenia, Technische Universität Braunschweig) und Dr. Philipp Strauss (Stellvertretender Institutsleiter, Fraunhofer IEE) moderiert. Alexander Folz (Regierungsdirektor, BMWE) erläuterte zentrale Meilensteine der Roadmap Systemstabilität und betonte die Wichtigkeit die Resilienz des Systems bei der Planung und Umsetzung des Energiesystems mitzudenken. Dr. Moritz Mittelstaedt (Teamleiter Systemverhalten, Amprion) präsentierte Kernergebnisse des ersten Systemstabilitätsberichts, der Handlungsbedarfe für einen sicheren Netzbetrieb innerhalb eines erneuerbaren Energiesystems aufzeigt. Luca Sternecker (System & Markets Policy & Process Advisor, TenneT) erklärte die marktgestützte Beschaffung von Momentanreserve, erläuterte deren Funktionsweise und betonte die Bedeutung der Identifizierung von Potenzialen zur Deckung aller Bedarfe.

SmartGridsBW

Linda Roth (ZSW) bei der Postervorstellung

Postersession

Unter Moderation von Thomas Dederichs (Leiter Energiepolitik, Amprion) wurden verschiedene Poster vorgestellt, welche auch während den Pausen der Tagung besichtigt werden konnten. So präsentierten auch verschiedene Kolleginnen und Kollegen aus dem Mitgliederkreis. Vertreten waren Linda Roth (Zentrum für Sonnenenergie und Wasserstoff-Forschung BW), Prof. Gerd Heilscher (TU Ulm) Jan Fiebig (Amprion), Dr. Bernd Seifert (TransnetBW), Philip Weber (Fraunhofer ISE) und Karsten von Maydell (DLR Institut für vernetzte Energiesysteme)

Keynote

Dr. Tahir Kapetanovic (Leiter Systembetrieb, Vizepräsident International Austrian Power Grid, Board Member ENTSO-E) referierte in seiner Keynote zur europäischen Netzentwicklung und der Sicherheit der europäischen Übertragungsnetze.

SmartGridsBW

Session 3

Die letzte Session des Tages wurde von Dr. Oliver Franz (Head of European Associations, E.ON SE) und Rainer Stock (Bereichsleiter Netzwirtschaft, VKU) moderiert. Dr. Frederike Wenderoth (Teamleiterin Infrastruktur & Gesamtsystem, dena) stellte die Kernergebnisse der Verteilnetzstudie II vor. Ein Fokus lag dabei auf den prognostizierten Investitionsbedarfen seitens der Verteilnetzbetreiber, indem die Studie die sonst häufige gewählte, systemische Perspektive, durch die ökonomische Perspektive der einzelnen Netzbetreiber ergänzte. Nele Dethloff (Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Fraunhofer ISE) stellte eine Netzsimulation vor die Auswirkungen dynamischer Strompreise auf die Netzbelastung analysiert.  Oliver Günther (Abteilungsleiter Regulierung und Energiewirtschaft, Stromnetz Berlin) betonte ebenfalls die großen Herausforderungen, auch mit Blick auf die jüngsten Netzstörungen, die auf VNBs in den kommenden Jahren zukommen. Einige Verteilnetzbetreiber, wie die SNB werden ihre Kapazitäten aufgrund der hinzukommenden Verbraucher wie Wärmepumpen und Wallboxen nahezu verdoppeln müssen. Über den Einfluss kommunaler Wärmeplanung und die daraus folgenden Implikationen für die Stromnetze sprach daraufhin Dr. Andreas Koch (Teamleiter Quartier & Stadt, dena).

 

Tag 2 – Donnerstag, 29. Januar 2026

SmartGridsBW

Astrid Schaffert (Zukunft KlimaSozial)

Session 4

Die erste Session des zweiten Konferenztags wurde von Prof. Dr. Oliver Brückl (Professor für elektrische Netze, OTH Regensburg) und Prof. Dr. Bernd Engel (Institutsleiter, TU Braunschweig) moderiert. Astrid Schaffert (Zukunft KlimaSozial) sprach im Wake-up Call über sozial gerechte Transformation: Haushalte mit niedrigem Einkommen wenden einen überdurchschnittlich hohen Anteil ihrer Mittel für Energie auf. Zugleich haben sie geringere Möglichkeiten, sich aktiv an der Energiewende zu beteiligen, was sowohl eine große soziale wie auch politische Herausforderung darstellt.

SmartGridsBW Podiumsdiskussion auf einer Fachkonferenz zu zukünftigen Stromnetzen mit Expertenpanel und Publikum in einem modernen Konferenzsaal, Präsentationsfolien zum Thema Stromnetz, Markt und Regulierung sichtbar.

Session 5

Christopher Schneider (Leiter Energiewirtschaft, SETrade) sprach im ersten Vortrag der Session „Netzdienliche Speicher mit flexiblen Netzanschlussverträgen“ darüber, dass Netzdienlichkeit keineswegs ein Automatismus, sondern vielmehr eine Frage der Strategie sei. Barbara Plura (Technische Netzplanung, LEW Verteilnetz) gab einen Einblick in die Perspektive eines Verteilnetzbetreibers, der mit einer Vielzahl von Netzanschlussgesuchen konfrontiert ist. Nadine Bethge (Leiterin neue Energiesysteme, Bundesverband neue Energiewirtschaft e.V.) stellte die konkreten Abläufe zu flexiblen Netzanschlussverträgen (FCAs) vor und verwies dabei auf die noch an vielen Stellen unklaren Vertragsstandards. Dr. Benjamin Blat Belmonte (Gründer von Fenexity und Postdoc an der TU Darmstadt) zeigte, wie Elektrobusflotten durch die Teilnahme am Spot- und Regelenergiemarkt ihren Betrieb ökonomisch deutlich optimieren können, und so Ladekosten drastisch senken. Einig waren sich alle Vortragenden, dass Engpässe im Verteilnetz den Ausbau erneuerbarer Energieerzeugung vielerorts ausbremsen. Die Diskussion griff wiederum Fragen der Standardisierung auf, und zeigte auch die Zwickmühle zwischen stark standardisierten Vorlagen und der dann im Einzelfall notwendigen Anpassungen auf.

SmartGridsBW

World-Café

Moderiert von Dr. Friederike Wenderoth und David Frank (beide dena) fand anschließend das World Café zum Thema „Netzanschlüsse und Speicher“ statt. Zentrale Frage war hierbei, was sich im aktuellen Regulierungsrahmen umsetzen lässt und welche Lösungen Rahmenanpassungen erfordern. In 15 Kleingruppen wurden konkrete Lösungsansätze diskutiert und im Plenum zusammengeführt. Häufig genannte Vorschläge waren transparentere und straffere Prozesse und einheitlichere Standards.

SmartGridsBW Session 6 der Tagung Zukünftige Stromnetze. 2 Referenten auf der Bühne: Dr. Jeanette Münderlein & Oliver Warweg

Dr. Jeanette Münderlein & Oliver Warweg

Session 6

Anke Hüneburg (Leiterin Bereich Energie, ZVEI e.V.) moderierte die sechste Session der Tagung. Dr. Jeanette Münderlein (Business Program & Portfolio Management, TenneT) & Oliver Warweg (Strategisches Business Development, Fraunhofer IOSB-AST) stellten das Projekt energy data-X vor. Dabei geht es um die Erstellung eines souveränen Datenraums, der den Datenaustausch kritischer Infrastrukturen auf Grundlage von Gaia-X ermöglicht. Thomas Dürr (Manager Standards and Regulations, Siemens) zeigte in seinem Vortrag daraufhin, wie das Projekt DPP4.0@Grid zu mehr Interoperabilität beitragen kann, indem digitale Produktpässe den Ausbau des Stromnetzes effektiver ermöglichen. Joshua Leßmann (Referent Netzentwicklungsplanung, BNetzA) erläuterte den Prozess V5 der Roadmap Systemstabilität, der das Ziel hat, die Beobachtbarkeit des Systems und insbesondere der Analagensteuerung auszubauen.

SmartGridsBW Zwei Referenten auf dem Podium der Tagung Zukünftige Stromnetze

Prof. Dr. Michael Laskowski und Noah Wollenhaupt

Keynote II

Prof. Dr. Michael Laskowski (Leiter Domäne Energie bei GAIA-X, ATOS) und Noah Wollenhaupt (Lead for OT Cyber Security, ATOS) gaben einen Einblick in die Detektion, Identifizierung und Abwehr von Drohnen, die in der Nähe kritischer Infrastruktur gesichtet werden.

SmartGridsBW Ansicht eine Vortragsfolie, die Referenten der Tagung Zukünftige Stromnetze zeigt

Prof. Dr. Jochen Kreusel

Session 7

Die letzte Session der diesjährigen Tagung moderierte Prof. Dr. Jochen Kreusel (Global Head of Market Innovation, Hitachi Energy). Dr. Martin Schmieg (Senior Expert, DIgSILENT) erläuterte die technischen Anforderungen an Anlagen zur Steigerung der Resilienz des Systems. Daraufhin referierte Markus Reischböck (Chief Product Lifestyle Manager, Siemens AG) die Vorteile von lokalen und schwarzstartfähigen Energiesystemen für Industrie und Gewerbe und verbundene Herausforderungen. Im Anschluss stellte Dr. Massimo Moser (Energiemarktmodellierung, TransnetBW) eine die Ergebnisse der Studie „Adequacy 2050“ zum Thema langfristige Versorgungssicherheit in den Stromnetzen vor. Das Thema Resilienz des Energiesystem bildete damit den inhaltlichen Abschluss der Tagung. Wie die konkrete Umsetzung dieser gesellschaftlichen Zielsetzung aussieht und wie die dafür notwendigen Ressourcen bereitgestellt werden, wurde im Anschluss vertieft.

Die Tagung Zukünftige Stromnetze 2026 bot neben den inhaltlichen Präsentationen umfängliche Möglichkeiten zum Austausch – so bei der Posterausstellung, dem World Café und den strategisch gut platzierten Get Togethers, die es erlaubten die Inhalte der jeweiligen Sessions unmittelbar weiter zu diskutieren. Die Transformation zu einem klimaneutralen Stromnetz ist eine komplexe Aufgabe, die nur durch Vernetzung und das Zusammenspiel aller Akteure gelingen kann. Wir danken dem Veranstalter ConexioPSE und dem Beirat der Tagung für die Durchweg gelungene Veranstaltung.

SmartGridsBW Gruppenfoto von SmartGridsBW und einige seiner Mitglieds-Unternehmen, sowie Vorstands-Mitglieder

Das Team der Smart Grids-Plattform Baden-Württemberg e. V., sowie einige Mitglieds-Unternehmen und Vorstands-Mitglieder.

Weiterführende Links

Studien und Projekte aus dem Teilnehmerkreis:

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