Rückblick: Smart Grids-Gespräche „Green Intelligence“ am 28. April 2026
Wie können Industrie und Energiesystem gemeinsam dekarbonisiert werden? Darüber sprachen wir bei unseren Smart Grids-Gesprächen an der HTWG Konstanz.
Nachbericht: Smart Grids-Gespräche am 28. April 2026
„Green Intelligence – smarte Lösungen zur Dekarbonisierung der Industrie.“
Wie können Industrie und Energiesystem gemeinsam dekarbonisiert werden – und welche Rolle spielen datengetriebene, „grüne Intelligenz“ und sektorübergreifende Lösungen dabei? Diesen Fragen widmeten sich die Smart Grids-Gespräche 2026 am 28. April 2026 an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) Konstanz. Unter dem Leitthema „Green Intelligence – smarte Lösungen zur Dekarbonisierung der Industrie“ beleuchteten Referierende aus Forschung, Hochschulen und Energiewirtschaft den aktuellen Stand und konkrete Lösungsansätze für eine intelligent vernetzte, klimaneutrale Industrie.
SmartGridsBW organisierte die ganztägige Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Hochschule Konstanz (HTWG). Den Vormittag bildete der DeepCarbPlanner-Workshop. Am Nachmittag schlossen sich die Smart Grids-Gespräche mit Fachvorträgen, einer Podiumsdiskussion und einem Networking-Imbiss an. Moderiert wurde die Veranstaltung von Arno Ritzenthaler (SmartGridsBW).
Vormittag: DeepCarbPlanner-Workshop
Der Vormittag startete mit dem DeepCarbPlanner-Workshop, der unter dem Titel „Smarte Lösungen zur Dekarbonisierung der Industrie“ einen vertieften Einstieg in datengetriebene Methoden, Verteilnetzthemen und industrielle Anwendungen bot. Sieben Fachvorträge zeichneten ein umfassendes Bild – von mathematischen Methoden über KI-basierte Prognosen bis hin zu konkreten Pilotprojekten in Verteilnetz und Industrie.
Johannes Nicklaus (HTWG Konstanz) stellte mathematische Methoden zur stochastischen Optimierung in Verteilnetzen vor und zeigte, wie sich Unsicherheiten in Last- und Erzeugungsprofilen modellieren und für die Netzplanung nutzbar machen lassen.
Daniel Dold (HTWG Konstanz) widmete sich fortgeschrittenen KI-Methoden zur Prognose der Erzeugung einzelner Windenergieanlagen und ganzer Windparks.
Basem Idlbi (TH Ulm) eröffnete die Vortragsreihe mit einem Beitrag zur Zustandsschätzung in Verteilnetzen unter besonderer Berücksichtigung der zunehmenden PV-Einspeisung.
Dr. Johannes Junge und Felix Kohler (Stadtwerke Konstanz) berichteten aus dem Projekt DiGO 2.0 und beleuchteten Anreizmechanismen für systemdienliches Verhalten im Niederspannungsnetz.
Bijan Sadjjadi-Ortlieb (Universität Stuttgart) zeigte auf, wie die Integration einer industriellen Wärmepumpe in ein bestehendes Fernwärmesystem den Energieverbrauch senken kann. Die Effizienz der Wärmepumpe hänge dabei stark von der Vorlauftemperatur ab – eine Erkenntnis, die das Potenzial von Power-to-Heat Lösungen in der Industrie perspektivisch zusätzlich heben kann.
Andreas Hummelsberger (Energy Depot EU GmbH) präsentierte mit dem PRIMUS Energie Manager eine Lösung zur intelligenten Steuerung von PV-Anlagen und zur Sektorkopplung im industriellen wie gewerblichen Umfeld.
Claudius Kübler (Hochschule Biberach) stellte das Projekt PISA vor und arbeitete die Rolle von Smart-Meter-Gateways im industriellen Umfeld heraus.
Nachmittag: Smart Grids-Gespräche 2026
Um 13:15 Uhr startete der Nachmittagsteil der Veranstaltung. Unter dem Leitthema „Green Intelligence – smarte Lösungen zur Dekarbonisierung der Industrie“ wurden in fünf Fachvorträgen Lösungsansätze aus Forschung und Praxis vorgestellt, bevor eine Podiumsdiskussion die Erkenntnisse zusammenführte.
Arno Ritzenthaler (SmartGridsBW) führte als Moderator durch die Veranstaltung. Prof. Dr. Gunnar Schubert (HTWG Konstanz) begrüßte die Teilnehmenden als Gastgeber und verwies auf die hervorragende Zusammenarbeit der Projektpartner wie auch bei der Veranstaltungsvorbereitung. Er betonte in seiner Rolle als Gastgeber die lange Historie der HTWG Konstanz mit erneuerbarer Energieversorgung, da vor über 100 Jahren mit dem Bau von Wasserkraft-Anlagen begonnen wurde. Sein Dank an die Carl-Zeiss-Stiftung als Projektförderer wurde von deren Vertreterin Frau Dr. Luise Goroncy angenommen. Sie verwies auf die Notwendigkeit Innovation voranzubringen und gab einen kurzen Einblick in die Fördermöglichkeiten durch die private Stiftung.
Johannes Nicklaus (HTWG Konstanz) stellte mit dem DeepCarbPlanner eine Toolbox zur parallelen Prognostizierung und Optimierung des industriellen Energiebedarfs vor. Zunächst wurden hierfür bei dem Kooperationspartner Fondium, Daten gesammelt, in aufbereiteter Version in einen digitalen Zwilling überführt, um im nächsten Schritt mithilfe stochastischer Methoden Prognosen treffen zu können. Dadurch dann der Energiefluss optimiert werden und es konnten so Einsparungen von knapp über 1.000€ pro Woche realisiert werden.
Guido Rau (Fondium) gab einen praxisnahen Einblick in technische Maßnahmen zur Dekarbonisierung der energieintensiven Eisengussschmelze. Ein zentraler Baustein ist dabei der sogenannte Sphäroguss. Ein ressourcenschonender Werkstoff mit hoher Recyclingfähigkeit und günstiger CO₂-Bilanz. Fondium strebt an, bis 2035 weitestgehend klimaneutral zu sein, und berücksichtigt dabei die Scope-1-, -2- und -3-Emissionen. In Kooperation mit der HTWG wird zudem KI eingesetzt, um Lastspitzen vorherzusagen und zu vermeiden. Ein weiterer innovativer Ansatz ist die Zweitnutzung der Prozesswärme des Kohleofens durch das benachbarte Unternehmen Maggi.
Prof. Dr. Dietmar Graeber (TH Ulm) beschloss die erste Session mit einem Beitrag zur sektorübergreifenden Energieflexibilisierung in Liegenschaften – inklusive integrierter saisonaler Wasserstoffspeicherung. Zunächst zeigte Prof. Graeber auf, welche Technologien bereits auf dem Energiepark an der TH Ulm verbaut sind. Von PV, über Windkraft bis hin zu Elektrolyseuren, einer Wasserstoffturbine und einer Leitwarte wird hier bereits ein breites Spektrum an Anlagen betrieben und getestet. Neben einem bereits vorhandenen Batteriespeicher mit 390kWh sollte nun noch ein Wasserstoffspeicher mit 50MWh hinzukommen. Trotz anfänglicher Investitionskosten ist es bei ausreichend hoher Laufzeit schnell möglich, diese Kosten zu amortisieren. Begünstigt wird dieses Ziel durch die Tatsache, dass die Entwicklung der Zeiten mit negativen Strompreisen seit Jahren stetig aufwärts geht. Am Ende seines Vortrags hob Prof. Graber aber auch die aktuellen Herausforderungen bei Wasserstoff-Systemen hervor, welche aus einer hohen technischen Komplexität, punktuell höherem Wartungsaufwand und einer (noch) geringen Wirtschaftlichkeit bestehen.
Mit der anschließenden Kaffeepause wurden die Energiespeicher der Referenten und der Teilnehmenden wieder aufgefüllt. Zusätzlich konnten sich die Teilnehmenden an Stellwänden über den diesjährigen Monitoring-Prozess der Smart Grids-Roadmap Baden-Württemberg 2.0 informieren.
Franz Reichenbach (ISC Konstanz) rundete die Vortragsreihe mit einem Beitrag zur Brennstoffzelle im netzdienlichen Wärmepumpenhybridsystem ab und beleuchtete deren Beitrag zur Systemstabilisierung sowie zur industriellen Stromversorgung. Ein Blick auf die jahreszeitliche Bilanz verdeutlichte die Notwendigkeit, dass es eine Lösung benötigt um außerhalb der Sommermonate, in denen die Einspeisung der Erneuerbaren den Bedarf übertrifft, den Energiebedarf verlässlich zu decken. TH-E Box soll diesem Problem mithilfe einer kombinierten Installation von PV-Anlage, Batterie, Blockheizkraftwerk (BHKW) und Wärmepumpe Abhilfe schaffen. Darüber hinaus könne die Box auch netzdienlich genutzt werden, da bei zu geringer Frequenz von unter 50 Hz Strom ins Netz eingespeist werden könne durch die PV-Anlage, die Batterie und das BHKW. Bei Frequenzen von über 50 Hz im Netz könne wiederum überschüssige Energie in der Batterie gespeichert und in der Wärmepumpe genutzt werden.
Dr. Stephan Schnez (Oros Energy) widmete sich Geschäftsmodellen und Cybersicherheit bei industriellen Batteriespeichern. Oros Energy bietet Batteriespeicherlösungen für Gewerbe und Industrie an. Das Rundum-Lösungspaket basiert auf einem in Deutschland entwickelten und betriebenen Energiemanagement-System. Die Größe der angebotenen Speicher beginnt bei 233 kWh und geht bis zu 5 MW. Es wurden Geschäftsmodelle und Anwendungsfälle aufgezeigt, welche dazu beitragen, dass die Amortisationszeit je nach konkretem Fall deutlich unter 4 Jahren liegen kann. Die in China eingekauften Batteriezellen erlauben keine Zugriffe von Drittanbietern, was zu einem verringerten Sicherheitsrisiko beiträgt. Jegliche Kommunikation erfolgt so über das Oros-Backend und kann optional durch eine in Deutschland gehostete Cloud-Lösung erweitert werden. Dr. Schnez betonte die hohe Komplexität bei der Einrichtung eines eigenen Batteriemanagementsystems (BMS).
Paneldiskussion & Fazit
In der abschließenden Podiumsdiskussion führten die Referierenden die Erkenntnisse der Fachvorträge zusammen und diskutierten gemeinsam mit dem Publikum, wie eine intelligente, sektorübergreifend gedachte Dekarbonisierung der Industrie in Baden-Württemberg gelingen kann – von datengetriebenen Methoden über industrielle Flexibilität bis zur Integration neuer Technologien.
Einigkeit herrschte durchweg bei einem zentralen Aspekt: Die politischen Rahmenbedingungen müssen für alle Akteure berechenbar sein. Forschungseinrichtungen müssen Sicherheit für die Personal- und Projektplanung besitzen. Anlagen- und Netzbetreiber müssen den Ressourceneinsatz und den Return of Invest für den Betriebszeitraum abschätzen können. Und nur durch den Erhalt von Planungssicherheit aufgrund berechenbarer Rahmenbedingungen werden Investitionsentscheidungen für im Wettbewerb stehende Unternehmen tragbar.
Abgerundet wurde die Veranstaltung mit einem Networking-Imbiss, der Gelegenheit zur Vernetzung sowie zur ausführlichen Diskussion des Gehörten bot.
Dank und weitere Informationen
Wir danken allen Referierenden für die fundierten und praxisnahen Vorträge, die ein umfassendes Bild aktueller Lösungen für eine smarte Dekarbonisierung der Industrie vermittelten – von mathematischen Optimierungsmethoden über KI-basierte Prognosen bis hin zu konkreten industriellen Anwendungen.
Vielen Dank auch an alle Teilnehmenden vor Ort für das große Interesse am Thema und die vielen konstruktiven Diskussionsbeiträge. Ein besonderer Dank gilt der Hochschule Konstanz (HTWG) für die Bereitstellung der Räumlichkeiten und die hervorragende gemeinsame Organisation.
Die freigegebenen Präsentationsfolien können direkt bei uns unter info@smartgrids-bw.net angefragt werden.
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