Rückblick: Smart Grids-Gespräche „Resilienz der Energieinfrastrukturen“ am 17. Juli 2026
Wie machen wir unsere Energieinfrastrukturen resilient gegen hybride Bedrohungen und die Herausforderungen der Transformation? Darüber sprachen wir bei unseren Smart Grids-Gesprächen im Hospitalhof Stuttgart.
Nachbericht: Smart Grids-Gespräche am 17. Juli 2026
Resilienz der Energieinfrastrukturen – Den Wandel auf strategischer und technischer Ebene gestalten
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie verwundbar unsere Energieversorgung sein kann: Brandanschläge mit Blackout-Folgen für Tausende, Cyberangriffe auf Netzbetreiber und regelmäßige Drohnensichtungen über kritischer Infrastruktur. Ob Terrorismus oder hybride Bedrohungslagen durch feindlich gesinnte Staaten – die Energienetze geraten immer stärker in den Fokus. Gleichzeitig verändert die Energiewende die Netze grundlegend: Rotierende Massen fallen weg, während Millionen Erneuerbare-Energien-Anlagen und Leistungselektronik integriert werden. Bei unseren Smart Grids-Gesprächen am 17. Juli 2026 diskutierten wir mit Expertinnen und Experten aus Sicherheitsbehörden, Netzbetrieb und Industrie, welcher strategischen Entscheidungen und welcher technischen Lösungen es bedarf, um die Resilienz der Energieinfrastrukturen unter diesen Randbedingungen zu erhalten – und was das für Politik, Netz- und Anlagenbetreiber sowie Sicherheitsbehörden bedeutet.
SmartGridsBW organisierte die Veranstaltung als reines Vor-Ort-Format im Hospitalhof in Stuttgart-Mitte. Bewusst wurde auf ein hybrides Format und auf Aufzeichnungen verzichtet, um bei diesem sensiblen Thema offene Diskussionen im geschützten Raum zu ermöglichen. Von 13:30 bis 17:00 Uhr beleuchteten die Referierenden die Resilienz des Energiesystems zunächst aus politischer-strategischer, im zweiten Block aus technisch-operativer Perspektive. Christian Schneider (SmartGridsBW) führte durch die Veranstaltung, die mit mehr als 120 Angemeldeten für eine großes Auditorium in den klimatisierten Räumlichkeiten des Hospitalhofs sorgte.
Vorträge
Das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg ergänzte die Perspektive der Sicherheitsbehörden mit dem Vortrag „Kritische Infrastruktur in ungewöhnlichen Zeiten“. Im Vortrag wurde die aktuelle Sicherheitslage im Land für die Betreiber kritischer Infrastrukturen erläutert und anhand konkreter Ereignisse wie Cyberangriffe auf die Wirtschaft, Drohnensichtungen und destruktiver gesellschaftlicher Einflussnahmen zur Destabilisierung illustriert. Von teils unfreundlich gesinnten Staaten über politischen und religiösen Extremismus bis hin zu Verschwörungszirkeln wurden die aktuellen Gefährdungslagen für die Gesellschaft wie auch für die kritischen Infrastrukturen aufgezeigt. Diese Akteure bedienen sich verschiedenster Wege, um Staat und Gesellschaft zu schädigen: von Aufrufen zu Anschlägen auf Energieinfrastrukturen über die Informationsbeschaffung (z. B. mittels Phishing) bis hin zu Cyberattacken. Der Vortrag verwies auf die vorhandenen Angebote wie Handlungsleitfäden der Landes- und Bundessicherheitsbehörden und gab den anwesenden Unternehmen Empfehlungen für den Schutz ihrer Organisationen. Dabei ganz vorn: das Bewusstsein, dass eine ernstzunehmende Bedrohung existiert, und die Aufforderung, aktiv auf die Sicherheitsbehörden zuzugehen und deren Informations- und Kooperationsangebote anzunehmen.
Dr. Georgios Savvidis, Vincenzo Baldini und Lukas Petrič von der TransnetBW GmbH brachten anschließend die Sicht des Übertragungsnetzbetreibers ein – in einem zweigeteilten Vortrag, der den Bogen von der langfristigen Netzplanung bis zur operativen Cyberabwehr spannte. Dr. Savvidis, Lead Spezialist Szenarien/Energiesystem im strategischen Asset Management, stellte die Learnings aus der Studie „Adequacy 2050″ vor und zeigte, wie Planungsentscheidungen von heute das Übertragungsnetz robust gegenüber unterschiedlichen Zukunftsentwicklungen machen – von Klimawandel und Wasserstoffhochlauf bis zu Rechenzentren und Sektorkopplung. Dabei wurde auch deutlich: Eine Auslegung der Planungen für unwahrscheinliche, aber mögliche Szenarien ist notwendig, um bei der Kapazitätsplanung ausreichende Puffer zu berücksichtigen und Stress für die Systeme gar nicht erst aufkommen zu lassen. Vincenzo Baldini, Manager des Cyber Defense Centers, und IT-Security-Architekt Lukas Petrič erläuterten im zweiten Teil, wie nachhaltige Cybersecurity im Bereich Prävention operationalisiert wird – von Angriffserkennung und Threat Intelligence bis zum Schwachstellenmanagement in KRITIS-Umgebungen. Dazu gehört etwa die organisatorische Überdachung ähnlicher Aktivitäten, die von mehreren Business-Units teilweise parallel betrieben werden. Diese Bündelung hilft, Doppelarbeiten zu vermeiden und Synergien zu heben.
Vincenzo Baldini, Manager des Cyber Defense Centers, und IT-Security-Architekt Lukas Petrič erläuterten im zweiten Teil, wie nachhaltige Cybersecurity im Bereich Prävention operationalisiert wird – von Angriffserkennung und Threat Intelligence bis zum Schwachstellenmanagement in KRITIS-Umgebungen. Dazu gehört etwa die organisatorische Überdachung ähnlicher Aktivitäten, die von mehreren Business-Units teilweise parallel betrieben werden. Diese Bündelung hilft, Doppelarbeiten zu vermeiden und Synergien zu heben.
In einem kurzen Impuls stellten Julia Müller und Aaron Metz (beide SmartGridsBW) dar, wie das Thema Resilienz künftig beim Monitoring der Smart Grids-Roadmap Baden-Württemberg 2.0 verankert wird.
Nach der Kaffeepause rückten die technisch-operativen Fragen in den Mittelpunkt.
Tobias Strohbach
Tobias Strohbach, Referent Prozess- & Notfallmanagement bei der MVV Enamic, widmete sich den Umsetzungsstrategien zum KRITIS-Dachgesetz und dem Resilienzaufbau auf bestehenden Strukturen. Mit 35 Jahren operativer Erfahrung bei Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben konnte Herr Strohbach die regulatorischen Anforderungen mit der Einsatzrealität verbinden. Er machte deutlich, dass Unternehmen die neuen Vorgaben nicht als zusätzliche Parallelstruktur begreifen, sondern auf vorhandenen Prozessen des Notfall- und Business-Continuity-Managements aufbauen sollten. Dazu gehört insbesondere die Hebung der vorhandenen personellen Potenziale: Zieldefinitionen, Aufbau von Wissens- und Kontaktnetzwerken für das Notfallmanagement, kombiniert mit einer Sichtung der vorhandenen Maßnahmen und der bereits ehrenamtlich im Katastrophenschutz tätigen Mitarbeitenden. Er verwies auf die zuvor angesprochenen Leitfäden für den Katastrophenschutz, die sowohl von Ministerien als auch von Ämtern wie dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sowie von Katastrophenschutzorganisationen wie dem Technischen Hilfswerk (THW) bereitgestellt werden. Am Beispiel des Mannheimer Energieversorgers und Netzbetreibers MVV zeigte Herr Strohbach einige der Schritte für den Aufbau des Krisenmanagements auf – von der Organisation des Krisenstabes über die Notfallkommunikation bis hin zur Definition von Prozessen und deren Übung für den Ernstfall.
Dr. Britta Buchholz
Dr. Britta Buchholz, Vice President Active Distribution Grids bei Hitachi Energy, beleuchtete die Leistungselektronik als Schlüsselelement im Stromnetz der Zukunft. Als Vorsitzende der Energietechnischen Gesellschaft im VDE, Mitglied des VDE-Präsidiums und Vorsitzende im Beirat des 8. Energieforschungsprogramms des Bundes brachte sie zugleich die Perspektive der Fachwelt und der Energieforschung ein. Frau Dr. Buchholz gab verschiedene Beispiele dafür, welche Rollen leistungselektronische Komponenten für Stabilität und Resilienz der Energienetze übernehmen. Sie zeigte auf, wie mit dem rasanten Zubau erneuerbarer Energien die umrichterbasierten Anteile der Einspeisung wachsen. Die für die DC/AC– und AC/AC-Umrichtung sowie die Steuerung der Netze eingesetzten Technologien sind dabei essenziell: Von der Erweiterung bestehender Ortsnetztrafos für eine bessere Steuerung der Spannungshaltung und der Stromqualität (Sinuskurven und Frequenz) bis hin zu netzstabilisierenden und inselfähigen Systemen, die im Störungsfall zur Netzresynchronisierung eingesetzt werden können, leistet die Leistungselektronik einen wesentlichen Beitrag. Frau Dr. Buchholz verwies hierbei auch auf die wirtschaftlichen Chancen: Lieferketten, bei denen ein großer Teil der Wertschöpfung in Europa liegt, und die Bewahrung und Weiterentwicklung des Know-hows vor Ort verringern die Anfälligkeit für Schockereignisse und die Abhängigkeit von globalen Beschaffungsmärkten.
Ruwen Konzelmann
Ruwen Konzelmann, Geschäftsführer der Theben Smart Energy GmbH, richtete den Blick abschließend auf die Schlüsselkomponenten für die Netztransparenz in den Verteilnetzen: Smart Meter, Steuerbox und Energiemanagementsysteme. Er berichtete aus erster Hand, was die sichere Entwicklung, die Zertifizierung durch das BSI und die Produktion dieser Komponenten in der Praxis bedeuten. Die herausfordernde wirtschaftliche Ausgestaltung eines solchen Großprojekts für einen Mittelständler und warum vertrauenswürdige, zertifizierte Hardware „made in Baden-Württemberg“ ein Baustein der Resilienz auf der Verteilnetzebene ist, stellte Herr Konzelmann bildhaft dar. Mit Blick auf die technische Ebene verwies er auf die Integrierbarkeit aller neuen Komponenten, die das EEBus-Protokoll beherrschen und damit über die gesicherte Anbindung in die BSI-konforme Infrastruktur integriert werden können. Dies ist ein besonders großer Resilienzfaktor, da viele Komponenten bislang über Cloudsysteme, teilweise von Anbietern aus Drittländern, betrieben wurden. Mit der Integration in die Smart-Meter-Welt kann auch hier eine technische Lücke geschlossen werden. Hinzu kommt das wirtschaftliche Element – die regionale Wertschöpfung durch den Mittelstand, die gleichzeitig eine größere Unabhängigkeit von globalen Lieferketten schafft.
Paneldiskussion bei den Smart Grids-Gesprächen
Podiumsdiskussion & Fazit
In der abschließenden Podiumsdiskussion mit den Referierenden wurden die Erkenntnisse der Vorträge zusammengeführt und diskutiert. Von den Netzthemen, insbesondere der rasanten Transformation bis hin zu den Vorteilen europäischer Lieferketten kamen alle Aspekte der Vorträge zur Sprache. Deutlich wurde: Resilienz entsteht nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch das Zusammenwirken von politischen Rahmensetzungen, organisatorischen Maßnahmen auf System- und Betriebsebene und eine tragfähige Einbettung der technischen Lösungen. Den kontinuierlichen Austausch aller Beteiligten über Sektor- und Zuständigkeitsgrenzen hinweg, der dafür notwendig ist, bejahten alle Teilnehmenden deutlich. Den Schluss der Diskussion bildeten die Statements der Referierenden, die allesamt dazu aufriefen, die Herausforderungen jetzt anzugehen.
Abgerundet wurde der Nachmittag durch ein Get-Together mit Imbiss und Kaltgetränken, das ausgiebig zur Vernetzung und zur Vertiefung des Gehörten genutzt wurde.
Dank und weitere Informationen
Wir danken allen Referierenden für die fundierten und spannenden Vorträge, die ein umfassendes Bild der aktuellen Bedrohungslage wie auch der strategischen und technischen Lösungsansätze vermittelten. Ein herzlicher Dank gilt ebenso allen Teilnehmenden für das große Interesse und die vielen konstruktiven Diskussionsbeiträge.
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